Allgemein

Treffen eines Seelenverwandten #1

bezüglich des letzten Beitrags „Wieso du offen gegenüber Fremden sein solltest

„Als Seelenverwandtschaft bezeichnet man eine Verbindung zwischen zwei Personen, die sich durch eine tiefe, als naturgegeben erscheinende Wesensähnlichkeit verbunden fühlen (…)“

Die Geschichte spielt an einem normalen Freitagmorgen

Schnurstracks durchlief ich die Unterführung des kleinen Bahnhofs nahe meiner Heimat. Wank meiner Mutter aus der Ferne zu und konzentrierte mich dann auf einen zügigen Schritt. Meine Bahn nach Stuttgart sollte gleich kommen.

Es war nicht viel los, vereinzelt nahm ich mir zugeworfene Blicke war. Das schockierte mich nicht gerade. Nein, ich konnte es sogar verstehen. In der rechten Hand trug ich einen alten Koffer. Diesen beigen Koffer habe ich vor einem Jahr mit ach und Krach meinem Vater ausgeredet. Ich liebe ihn, auch wenn ein zeitgemäßer Trolli wohl praktischer zu sein scheint. In meiner linken Hand halte ich eine blaue Ikea Tüte. Hier wurde alles reingeschmissen, was in dem Koffer kein Platz mehr fand. Und nicht zu vergessen befand sich ein schwerer Rucksack, mit all meinen Lernsachen auf meinem Rücken.

Kurzum, ich war vollgepackt. Mit meinen selbst gebatikten Socken stand ich nun da.
Neben mir, ein Mann mit einer Pfeife im Mund. Diese Person ist mir sofort aufgefallen. Ich habe seine Anwesenheit gespürt. Er scheint ein Mann mit Stil zu sein. Wenn ein außenstehender unsere Gepäckstücke jemanden zuschreiben müsste, würde wohl dieser Mann meinen Koffer bekommen.

Er nahm meine Anwesenheit auch war.
Als der Zug den Bahnhof erreichte liefen wir zu der uns beiden am nächsten liegenden Tür. Da das Öffnen der Tür auf sich warten lies gerieten wir in einen Smalltalk. Er setzte ich im Zug dann nicht weit weg von mir, aber auch nicht aufdringlich nahe. Mir kam es so vor, als wollten wir sehen, wie der jeweils andere seine Zugfahrt verbrachte, ohne sich von seiner Beschäftigung abbringen zu lassen. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite des Ganges saß er nun, ein alter Mann, der eine schwarze Hornbrille trug.
Unbeirrt las er das Stuttgarter Tagesblatt mit Kopfhörern in den Ohren. Nach kurzer Zeit schien er seine nächste Pfeife vorzubereiten. Ich las eine Art Magazin und hörte einen News-Podcast. Da ich mich nicht so gut konzentrieren konnte drehte ich mir noch eine Zigarette.

„So die Fahrkarten bitte“ , ganz vergessen – ich hab keine. In der letzten Etappe, hier, wo mein Studententicket noch nicht zählt musste ich natürlich erwischt werden. Ich habe jetzt echt gerade keine 100€, die ich der Bahn spenden kann. Also gab es nur eine Lösung, sie warten lassen und mir online ein Ticket nachzukaufen. Um ihr zu zeigen, dass ich Studentin bin, zeige ich ihr mein Ticket. Da befindet sich auch ein Bild meinerseits darauf, mein Bewerbungsfoto um genau zu sein. Sie lies sich nicht beirren, meinte ich solle in meinen vielen Taschen weiter wühlen , sie käme auf mich zurück. Der Mann wollte mir helfen, und meinte doch nur ich könnte es möglicherweise hier und da haben. Also weihte ich ihn ein. Die Kontrolleurin kam, ich zeigte mein eben erworbenes Ticket, alles gut.

„War das American Spirit Tabak?“, fragte der Mann, worauf von mir nur ein „Nein, ich rauche Pueblo Tabak“ kam. Ich wunderte mich, woher er sich wohl so gut auskannte, doch auf nachfrage erfuhr ich, dass der passionierte Pfeifenraucher jeden Freitag um 17 Uhr eine einzige Zigarette raucht. Solche Routinen, eine Routine mit Stil, begeistern mich. Und sie passte auch zu seinem ersten Erscheinungsbild.

Der Smalltalk scheint eröffnet zu sein.
„Und du, du bist Krankenschwester im Dienst?“
„Nein, nein ich fahre zum Studieren wieder nach Stuttgart“
„Achso, du studierst Medizin?“

Ich verstand gar nicht, wie man darauf kommen konnte, fühlte mich allerdings geschmeichelt. Es entpuppte sich, dass wir beide in der selben Branche arbeiten. Er als Bilanzbuchhalter und ich als Steuerrechtsstudentin. Es entstand eine Situation, in der nicht nachgefragt wird. Man erzählt als wäre es das normalste auf der Welt, und irgendwie ist es so, als würde man sich schon kennen. Wir kennen keinen Namen, kein Alter, kein Wohnort, aber es fühlt sich so an, als gäbe es einen gemeinsamen Nenner.

Er empfand sein Bilanzbuchhalterdasein als öde und meinte , dass man das nicht sein Leben lang tun kann. Deswegen designt er nebenher auch noch Websiten. Mir kommt das alles sehr bekannt vor.

„Offene Haare stehen Ihnen aber besser“
Da ich einen Bauernzopf über meinen kompletten Kopf trug wunderte ich mich, wie er das denn beurteilen konnte.
„Sieht nicht so streng aus“
Ich schaute verdutzt und überlegte mir die nächstliegende schlagfertige Antwort, aber mehr als ein kleines Lächeln kam nicht von mir. Es stellt sich heraus, dass er sich auf mein Studentenausweisfoto bezog. Das kleine Foto, dass ich nur eben der Kontrolleurin zeigte, weit weg von ihm. Er achtet auf die kleinen Dinge.

„Ist der Koffer von (Marke, die ich nicht kenne, einfügen)“
„Ähm ich habe den einfach meinem Vater abgeschwatzt, ich finde, dass er Stil hat“

Der Mann stimmte mir zu und er erzählte mir, dass er sich seine perfekte Wohnung mit Möbeln aus den 60 er Jahren einrichten würde. Wir beide entfalteten Euphorie in einander, wir konnten auf Knopfdruck eine imaginäre Wohnung einrichten. Bunt, Stilvoll, Speziell.

Der Mann bezeichnet sich selbst als unauffällig. Er reduziert sich auf seinen schwarzen kleinen Hund. Ich frage mich ob er eine Ehefrau hat, wo sollte der Hund auch sonst sein, wenn er den ganzen Tag weg von seiner Wohnung zu sein scheint.

Er war anders als die Erwachsenen, die ich kannte. Der normale Smalltalk, ein Statement zu meinem Studium, alles was ich normalerweise erzählte und gut ankam, ja, ich kann mit erwachsenen, schien ihn nicht zu interessieren. Er wollte nichts von meinem geplantem Lebensweg wissen. Er wollte einfach nur wissen wie ich ticke und wer ich bin, nicht was ich mache.

Der Mann, der sich mir gegenüber nicht wie ein Fremder anfühlte erzählte mir von einem Haus in Esslingen. Er scheint nicht arm zu sein. Wieso fährt er wohl Zug? Vermutlich nicht, weil er kein Auto in der Garage stehen hat. Ich denke, dass er genau eine solche Situation mag. Ein Mann mit Stil, sein ganzes Auftreten, die Printzeitung und die Pfeife, er macht nichts unbedacht. Alles was er mir erzählt, erzählt er nur weil er mir das aktiv erzählen möchte.

Mit erschrecken stellten wir fest, dass ich jünger sei als seine Tochter, die doch nochmal ganze fünf Jahre älter war als ich. Er reagierte geschockt, ich weiß bis heute nicht wieso. Weil ich so anders bin? Weil ich reifer wirke? Oder einfach weil ich mich auf das Gespräch mit einem altern Herrn eingelassen habe? Ich weiß nicht wieso, aber ich fühlte mich wohl.

In Mitten des Gesprächs fällt ihm auf, dass der Zug seine Haltestelle erreicht hat.

Beitrag ansehen

Ohne zu wissen, wer dieser Mann ist, wie er heißt oder wie er denkt geht er und lässt mich hier zurück. Ich fühle eine Verbindung und es war eine Buchbegegnung, so wie er ein optimaler Buchcharakter ist. Und irgendwie hat mir diese Begegnung gut getan. Ein kurzer Wegbegleiter.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.