Allgemein

Der Lockdown tut dir gut!

Erfahrungsbericht des 1. Lockdowns
& Kraft für den 2. Lockdown

Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen der Meinung sind, dass ihnen Zeit geklaut wird. Wertvolle Lebenszeit. Unter anderem sind Clubs, Festivals und Partys seit geraumer Zeit untersagt. Dementsprechend finden solch lustige Abende seit einer gefühlten Ewigkeit auch nicht mehr statt.

Ein wahres Problem oder nicht? Was ist schon die humanitäre Krise in Moria dagegen…

Mit diesem Kommentar wird meine Haltung wohl sofort klar.

Ich befinde mich in genau diesem Alter und würde lügen, wenn ich sage, dass ich mich nicht ab und an die Wochenenden alá precorona zurückerinnere. Tatsächlich sehne ich mich in verschiedensten Momenten sogar danach. Die Festival Tickets von diesem Jahr liegen schließlich schon etwas zu lange auf der Kommode. Aber macht diese Sehnsucht 2020 gleich zu einem schlechten Jahr? Ich kann felsenfest behaupten, dass dieses Jahr für mich ein durch und durch gutes Jahr ist. Veränderungen anderer Art sind an mir selbst geschehen, teilweise bin ich mir auch sicher, dass der Lockdown mein Wesen beschleunigt weitergebracht hat, sodass ich eine Entwicklungsphase schneller, als ursprünglich geplant durchlebe.

Aber was genau haben jetzt die ganzen Beschränkungen und Verbote damit zu tun?

Na ja, durch die Kürzungen, gerade im Hinblick auf das soziale Umfeld war man schlussendlich dazu gezwungen, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen. Was anfangs ungewohnt war, scheint jetzt das Normalste der Welt zu sein.

Sofa statt Saufen. Brettspiel statt Bummeln. Tee statt Tinderdates.

Mein Leben wurde einmal auf den Kopf gestellt. Während die anfängliche Verärgerung sank, wuchs die Anpassungsfreude. In dieser Zeit fand ich den Weg zurück zu mir, so wie ich mich vor mehreren Jahren verlor. Kurz nachdem mein Leben zwangsweise einen Wandel vollzog, folgte meine Denk und Sichtweise. Jedes verzechte Wochenende wirkte plötzlich wie ein verschwendetes auf mich. Hätte mir das jemand vor nur einem Jahr gesagt, dass ich nur so kurze Zeit später so darüber denke, hätte ich diese Person verspottet. Denn ich weiß noch, wie schon ab Montag eine gewisse Vorfreude auf das kommende Wochenende, von dem ich einen Tag später sowieso nichts mehr wusste, in mir aufkochte.

Natürlich hätte ich mein Leben auch schon vor der Pandemie so führen können, aber ich wusste ja nicht einmal, dass es mir gefällt. Und wer hätte ahnen können, dass das der Fall ist? Deswegen gilt Corona in meinem Kosmos als Mindchanger. Meine Prioritäten sind nun schon ganz anders verteilt. Ich glaube, dass ich diese Zeit unglaublich sinnvoll genutzt habe und hoffe, dass es vielen anderen auch so geht. Ich habe nicht das Gefühl, dass dieser Wandel so unglaublich fern des menschlichen Verstandes ist, allerdings beobachte ich das genau den Mangel der Sichtweise bei nahezu jeder Person in meinem Umfeld. Klar, ich habe nun auch fast 20 Jahre dazu gebraucht, da nun aber mein komplettes Leben umgekrempelt wurde, kann ich mir nicht vorstellen, wie man tatsächlich ein glückliches Leben auf die vorherige Art und Weise führen kann. Denn rückblickend, war ich nicht vollkommen glücklich mit meinem Leben, wie ich es bis dato geführt habe. Es ist unmöglich anderen meine neuen Sichtweise zu erklären. Die Auswirkungen sind griffig und ohne Probleme zu vermitteln, aber hinter kleinen Änderungen stecken große Gedanken. Und genau diese muss jeder für sich selbst erkennen. Ärgerlich, denn das sind Kenntnisse, die ich am liebsten mit jedem teilen würde. Da die meisten Menschen andere Vorstellungen von einem tollen Leben haben als ich, bzw. sich vielleicht noch nie richtige Gedanken dazu gemacht haben, entstehen logischerweise Konflikte. Tatsächlich glaube ich, dass sich andere auch bedroht oder sogar mit ihrer eigenen Lebensphilosophie angegriffen fühlen. Denn, wenn man sich selbst verändert, der Umkreis allerdings der selbe bleibt entstehen gewisse Interessenskonflikte. Das löst in mir, als „Verräter“ das Gefühl aus, dass ich mich anpassen muss. Aber rational betrachtet ist das nicht meine Aufgabe. Ich kann doch tun was ich möchte, ich muss nur dafür einstehen. Ich bin nur mir selbst Rechenschaft schuldig. Aber ich kenne es schließlich selbst, einst gehörte ich zu dieser Gruppe und verdrehte die Augen, wenn sich einer plötzlich veränderte und seine Freizeit anders auslegen wollte. Aber Leute, die was dagegen sagen fühlen sich meist einfach nur, wie eben schon angerissen, bedroht. Deswegen ist es wichtig, darauf zu achten, dass man sein neues Leben anderen nicht ungefragt an den Kopf schmeißt und dabei das alte Leben schlecht redet, denn sei stecken ja selbst noch dort fest. Neutral und nicht wertend den eigenen Standpunkt signalisieren, um nicht Opfer des Zwangs zu werden. Meist ist eine Begründung gar nicht erforderlich. Wir werden alle langsam kleine Erwachsene und müssen nun mal auf die eigene Entwicklung acht geben. Sie ist das temporäre höchste Gut, denn sie Entscheidet schließlich mit, was wir für ein Leben führen werden.

Ich habe nicht das Gefühl, dass mir der erste Lockdown im Frühjahr Zeit raubte sondern, dass sie mir zur Verfügung gestellt wurde. Wenn mich dieser Lockdown auf der Lebenskurve Meilen nach vorne geworfen hat, bin ich schon auf die Prozesse in diesem hier gespannt.

Wenn man sich auf den Lockdown einlässt und die positiven Nebeneffekte in den Vordergrund rückt, ist das alles gar nicht so schlimm. Klar, die Prinzip-Stimme in meinem Kopf ist nicht zufrieden, denn diese hat eher Angst um die eigene Freiheit. Doch das bekommt man auch mal ausgestellt, oder zumindest in den Hintergrund gedrängt, gerade wenn man sich selbst die meiste Aufmerksamkeit zuschreibt.

Seh‘ die Sache auch einfach mal positiv, denn durchmachen müssen wir es sowieso.

Die richtige Einstellung ist die halbe Miete.

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