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Allgemein,  umgedacht

„Eure Generation tut mir besonders Leid“

Corona und die Teenies

Nach nun rund 2 Jahren, die wir in der Pandemie leben und Einschränkungen auf uns nehmen hat sich viel getan. Anfangs war die Wut, hervorgerufen von den Einschränkungen eines jeden Bürgers, nun die Akzeptanz des „Neuen Lebens“. Nicht außer Acht zu lassen ist das Licht am Ende des Tunnels, dass wir alle langsam sehen. Seit geringer Zeit überkommt mich das Gefühl, die Einschränkungen neigen sich dem Ende und es wird nach und nach immer mehr gelockert. Da merke ich, dass ich als ganz andere Person aus der Pandemie herauskomme, als ich hereingegangen bin.

Ich bin Franzi, 20 Jahre alt und möchte über die positiven Effekte, die die Pandemie auf meine Entwicklung hatte mit euch teilen.

Wie jedes 18-jährige Mädchen, das gerade das Abitur gemacht hat, habe auch ich gerne das Wochenende vollständig ausgenutzt. Und damit meine ich Barhopping und Clubbing in nur jeder erdenklichen Minute. Ob in einer Freundesgruppe, oder nur mit einer besonders guten Freundin, verschiedene Städte wurden regelmäßig unsicher gemacht.

Als ich dann des Studiums wegen in eine Großstadt zog, wurde das natürlich noch einfacher. Die Leute, die sich für eine andere Lebensweise entschieden, empfand ich als seltsam und habe mir oft gedacht, dass diese doch etwas verpassen würden.

Aber als dann das erste Semester vorbei war, und es für mich nichts mehr besonderes war so zentral zu wohnen und ständig und überall Party zu machen, bekam ich langsam ein komisches Gefühl. Immer dieselben Gespräche, immer dieselben Getränke, ja und teilweise sogar dieselben Menschen. Mein Körpergefühl wurde auch immer schlechter und irgendwie schlich sich das Gefühl der Unzufriedenheit immer stärker ein. Aber sobald dann das erste Mischgetränk die Kehle herunterlief war diese Unzufriedenheit auch schon wieder wie weggeblasen. Das ist schließlich das, was jeder in meinem Alter macht, dachte ich mir.

Bis dato verstand ich noch nicht was das eigentliche Problem ist. Das weiß ich aber jetzt. Ich bin keiner von denen. Solange ich aber noch in diesen Kreisen kursiere, würde ich das nie merken. Und wieso sollte ich mich aus meinen Gewohnheiten, meinen urbanen Möglichkeiten und vor allem meinem sozialen Kreis distanzieren, wenn ich noch gar nicht weiß, wieso denn überhaupt und ob es sich lohnen würde.

Die Corona-Maßnahmen, insbesondere die Kontaktbeschränkungen, zwangen mich, sowie viele andere auch, das zu ändern. Anstatt mit Freunden den Freitagabend in einer Bar zu verbringen, sich die ganze Nacht herumzutreiben und erst am Samstagmorgen in mein WG- Zimmerchen zurückzutaumeln und den ganzen Tag dann zu regenerieren, bis es abends wieder auf die Piste ging, waren nun alle im Elternhaus zurückgekrochen. Jeder war alleine. Plötzlich war ich dazu gezwungen mich selbst zu beschäftigen. Anfangs setzten viele Leute auf eine Beschäftigungstherapie alá Bananenbrot backen, Fotoshootings und Homeworkouts. Doch auch das ließ irgendwann nach.

Ab hier, Anfang 2020, gab es zwei Möglichkeiten: Entweder man hielt sich an die Maßnahmen und machte nun mal das Beste draus. Dadurch hätte man viel Zeit für sich und die engste Familie gehabt, hätte sich weiterbilden, zurückziehen und sich ohne großes Entertainment mit sich beschäftigen können.

Oder man schimpfte auf die Corona-Regeln, versuchte sie zu umgehen. Die Situation wurde ignoriert und sie lebten eigentlich weiter als sonst auch immer, nur etwas angepasst, stets hoffend, dass bald alles wieder so wie früher ist.

Ich entschied mich gegen den Weg meiner Freunde, die nämlich Option Nr. 2 wählten und jedes schlechte Verhalten auf die Pandemie schoben, ganz nach dem Motto „Danach mach ich dies und danach mach ich jenes“. Die Pandemie wurde für diese Menschen zur Universalausrede. Zugenommen? Corona. Schlechte Zensuren? Corona. Steigender Alkoholkonsum? Corona.

Im Gegensatz dazu versuchte ich von Anfang an diese Krisensituation, als Chance zu sehen. Durch die Zeit alleine kann man sich zu einer ganz anderen Person entwickeln. Normalerweise sind Menschen in meinem Alter, gerade wenn sie noch studieren und im Studierendenwohnheim wohnen, selten alleine. Weder unter der Woche im Hörsaal, noch am Wochenende in den Bars oder bei den Heimatbesuchen. Von Gruppe zur Gruppe. Das ist auf jeden Fall schön und lustig. Doch diese Menschen beeinflussen einen mehr als man es vielleicht meinen könnte. Die Entwicklung über sein Umfeld heraus ist ohne aktive Abnabelung nahezu unmöglich. Und für eine aktive Abnabelung musst du schließlich wissen, was du überhaupt willst. Und diese Frage habe ich mir ziemlich schnell in der Einsamkeit gestellt. Was will ich und wo will ich hin? Ich glaube diese Frage hätte ich mir niemals so schnell gestellt, wenn ich nicht dazu gezwungen gewesen wäre so viel Zeit mit mir zu verbringen.

Ich brauchte ein Ziel, einen Plan und auch Zeit Dinge auszuprobieren.

Plötzlich hatte ich nicht mehr das Gefühl etwas zu verpassen, wenn ich eine Party auslasse, sondern das Gefühl viel verpasst zu haben, weil ich auf so vielen Partys war. Je mehr ich mich von den anderen distanzierte, desto mehr gefiel mir mein Leben.

Ich fing an mehr zu lesen, habe mittlerweile sogar einen Bibliotheksausweis. Außerdem fand ich mehr Zeit wieder zu malen, was mir schon immer so unglaubliche Freude bereitete, es aber immer hinten anstellte. Um meinen Kopf zu sortieren, fing ich an meine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, woraus irgendwann dieser Blog hier entstand. Die Unzufriedenheit in meinem Studium verleitete mich dazu zu überlegen, wie ich irgendwann einmal Geld verdienen möchte. Daraufhin lernte ich viel über Drop Shipping und Online-Handel. Ich eröffnete einen Etsy-Shop und lerne bis heute jeden Tag wie ich da erfolgreich werden kann. Außerdem merkte ich, dass ich einen Menschen in meinem Leben brauche, der ähnliche Ziele, wie ich sie habe verfolge und dazu bereit ist etwas dafür zu machen. Ich bin mit der Liebe meines Lebens zusammen gekommen und diesen Monat zusammengezogen. Über meine Glaubensrichtung machte ich mir Gedanken und merkte, dass ich gar nicht viel über die Weltreligionen und insbesondere über meinen Glauben, den Christentum, Bescheid weiß, weshalb ich in die Bibel hereinlies um mich darin zu festigen.

Und jetzt, wo sich wieder alle Leute treffen können beobachte ich, wie jeder genau da weitermacht, wo er vor zwei Jahren gezwungen wurde aufzuhören und das ist auch okey. Ich stehe dieses Mal nur auf der anderen Seite und bin unglaublich zufrieden damit. Alle Ängste, alleine, außen vor und nicht cool zu sein habe ich abgelegt und bin unabhängig geworden. Nun stehe ich im Ende meines Studiums und bin eine ganz andere Person. Seit dem 01.01.2021 trinke ich keinen Alkohol mehr, was für mich ein griffiges Ereignis ist, um zu beschreiben, seit wann ich mich offiziell weiterentwickelt habe, aber in Wirklichkeit ging diese Veränderung schon viel früher los. Mit den beiläufigen Konflikten bin ich mittlerweile vertraut, allerdings hatte ich genug Zeit um mir meiner Sache sicher zu sein. Ohne Corona wäre dies alles nicht so schnell und vielleicht auch gar nie passiert. Mit der jetzigen Situation bin ich glücklich und sehe Zukunftspotenzial. Ich habe das Gefühl endlich in die richtige Richtung zu gehen.

Und genau deswegen stimme ich den Leuten nicht zu, wenn sie sagen, auch wenn es total lieb gemeint „Deine Generation tut mir besonders Leid“, denn ich finde, dass wir am meisten daraus machen konnten.

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