Allgemein,  Philosophieren

Ich finde mich dann mal selbst – über die Zeit nach der Schule

Ein Brief an einen Banknachbar aus der Schulzeit.

Und weg sind sie. Schulfreunde. Zusammen in die gleiche Klasse gekommen und zusammen den Weg des Schulalltags bestritten. Miteinander und doch nebeneinander. Manche wurden zu wahren Freunden, andere lediglich zu zeitweisen Wegbegleitern. Danach ist es eben anders. Alles verändert sich. Wir können unseren Weg gehen. Jeder für sich. Von nun an steht uns nämlich die Welt offen. Die Wege trennen sich weiter, als nur in andere Klassenräume, Wahlfächer oder Klassenaufspaltungen. Die Entscheidungen werden größer, als die Frage zwischen Französisch oder Latein. Kinder werden ihre eigene Vision eines Erwachsenen.
Zwar kommen wir alle aus unterschiedlichen Verhältnissen. Doch der Alltag hat uns alle zusammengehalten. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns entscheiden.

„Bevor ich das machen würde, würde ich mich umbringen“, hast du über meinen Weg gesagt, „Ich muss mich erst einmal selbst finden“.
Denn ich ging studieren und du in die große weite Welt. Via Instagram sehe ich, wo du dich gerade aufhältst und mit wem du rumhängst. Ich sehe, wie du dein Leben führst und denke mir “ Findet man sich so selbst?“. Ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre sind vorüber. Und du singst am Strand von Sri Lanka zu einer Ukulele. Hast kiffen zum Lifestyle gemacht und lebst den vibe. “ Hast du dich wiedergefunden?“, frage ich mich, „Oder wird die Reise weitergehen? Findest du zurück in die Kleinstadt, oder wirst du ewig Weltenbummler bleiben?“. Auf Selbstporträts sehe ich dich stets lächeln, doch bist du wirklich glücklich? Ich erkenne dich nicht wieder. Für mich bist du nun eine fremde Person.

Unsere Wege haben sich getrennt. Ich bin studieren gegangen. Bin ausgezogen und habe mir Ziele gesetzt. Mein Alltag ist geprägt von Struktur und Disziplin. Niemals hätte ich gedacht, dass ich jemals dieser Mensch sein werde, der ich nun bin. Hat mich mein Weg dazu gemacht? Wäre diese Entwicklung sowieso passiert?
Aus meiner Sicht bin ich froh, um den von mir bestrittenen Weg. Denn ich habe viel gelernt und mir viel Gedanken über meine Zukunft gemacht. Ich habe mich mit Glauben und Werten auseinandergesetzt und mein Leben dahingehend verändert. Da ich in meinem Alltag gefangen bin, muss ich mich schließlich damit auseinandersetzten. Denn von meiner Zukunft kann ich mich nicht ablenken, wenn ich jeden Tag etwas dafür mache.

Machst du etwas für deine Zukunft? Denkst du überhaupt darüber nach? Oder sammelst du gerade Momente, um mir später einmal erzählen zu können, was du alles erlebt hast?
Aus meinem Büro schaue ich also deine Posts an und denke mir “ Wäre das eine bessere Option gewesen?“. Das Meer, wie du es abfotografierst, so blau. Die Sonne strahlt hell. Du zeigst deine neuen Freunde. Ich kenne sie nicht. Immer mehr Tattoos zieren deine Haut. Sodass ihr bald doch alle wieder gleich ausseht, du und die Menschen deiner neuen Gruppe. Du wolltest dich selbst finden. Bist das wirklich du? Bist du nicht wieder einfach in einer Gruppe gelandet, die sich alle etwas vorspielen und in ihrem Film gefangen sind? Ihr glaubt, tiefgründig unterwegs zu sein, weil ihr euch keine Gedanken über die Zukunft macht. Einen wirklichen Plan hat auch keiner. Wie soll man sich fern jeglicher Pflicht und Realität selbst finden? Seit mehreren Jahren reist du durch die Welt und spielst dir deinen Intellekt vor. Doch in Wirklichkeit hast du Kiffen zum Lebensstil gemacht. Du verschwendest Zeit und versinkst immer weiter in diesem Sumpf. Eventuell wirst du das erst viel später merken, denn in Kreisen, wo das normal ist, fällst du nicht auf. Du denkst es sei normal.

Eigentlich müsste ich mir darüber keine Gedanken machen. Denn ich sitze hier, in Deutschland an einem Schreibtisch. Verstehe mich bitte nicht falsch, ich verspüre keinen Neid und schreibe das auch nicht aus Groll. Ich schreibe das, weil ich mich regelmäßig für meinen Weg rechtfertigen muss. Nicht selten habe ich das Gefühl bemitleidet zu werden. Prätentiös schaut ihr meinen Weg an und denkt euch, „Die wird mal in einem 9 to 5 Job feststecken“. Mit dieser Hochnäsigkeit wirst du noch merken, wo du hinkommst. Du wirst einmal für einen solchen Job betteln, wenn du auf dem harten Boden der Realität ankommst. Und wenn es so weit ist, bin ich schon wieder weiter gezogen. Dann wünschst du dir, du hättest nicht zu früh geurteilt. Denn ich mache mehr als du siehst. Eines Tages wandere ich aus und verdiene mein täglich Brot durch das Schreiben, Zeichnen und Designen. Ich bleibe an meinen Träumen und erfülle sie. Eines Tages reiche ich die Kündigung ein und weiß, dass sich die jahrelange Arbeit bezahlbar macht. Denn irgendwann verdiene ich Geld mit meinem Traum. Und dann kann ich über dich das sagen, was du zu deinem Sitznachbar gesagt hast, als ich an der Reihe war, der Lehrerin zu erzählen, wie mein Weg nach dem Abitur aussieht . Weißt du noch, was du gesagt hast? „Bevor ich das machen würde, würde ich mich umbringen.“ Und weißt du was? Das tat weh. Aber es war der Auslöser für ein anderes Leben. Ein Leben, der Disziplin gewidmet. Ein Leben, das stets auf das richtige Hinarbeitet. Deswegen bin ich dir wohl etwas schuldig:

Danke.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.