Allgemein,  umgedacht

Mehr Freizeit

Kurze Denkanstöße

Laut einer Studie aus den USA, die im „Journal of Personality and Social Psychology“ veröffentlicht wurde, kann zu viel Freizeit unglücklich machen. Diese Studie stößt in erster Linie auf Widerspruch. Verständlich. Schließlich fiebern wir alle heiß dem Wochenende entgegen und genießen die wenige freien Tage, die uns zu Verfügung stehen. Denn unabhängig von der Tätigkeit der Arbeit ist es für Menschen wichtig, bewusst einen gewissen Teil der Zeit zu arbeiten. Geleistete Arbeit rechtfertigt in uns die freie Zeit anhand des Belohnungseffekts. Das Gefühl des Gebrauchtwerdens ist für den Menschen essenziell. Außerdem sorgt die Arbeit in den meisten Fällen dafür, dass der Mensch in Kontakt mit anderen kommt, was der immer weiter verbreiteten Einsamkeit entgegenwirkt. Dieser Text soll Denkanstöße für jeden Leser bieten. Denn auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als wäre nicht arbeiten die beste Option, ist es nicht so.

An mir beobachtet kann ich der Studie zustimmen. Die Abende, an denen ich am zufriedensten im Bett liege, sind die, an denen ich das Gefühl habe, weiter gekommen zu sein. Selbst wenn die Aufgaben den Tag über nicht angenehm für mich waren, weil ich, um alles und jedem gerecht zu werden, von A nach B zu hetzen hatte. Rückblickend wirkt das alles aber viel harmloser, als es vielleicht in dem Moment war. Denn in diesem Moment bin ich vielleicht erledigt und ich weiß, dass noch mehr auf mich zukommen wird, doch ich weiß, dass ich am heutigen Tag alles gemacht habe, was ich hätte können. Das löst ein wohliges Gefühl des Gebrauchtwerdens und des Stolzes in mir aus.

Mehr Freizeit heißt mehr und längere Pausen. Als Pausen verstehen wir kurze Erholungsphasen. Doch das sind in Wirklichkeit auch nur Zeitfresser, die uns schaden, wenn sie länger werden. In einer Pause wird selten sinnvolles erledigt, da es sich schlichtweg „nicht lohnt jetzt etwas anzufangen“. Also verbringen wir unsere Zeit am Handy. Durch die Aktivität auf Social Media schütten wir allerdings so viel Dopamin ausm, dass jede andere Arbeit uns danach viel langweiliger vorkommt, als sie tatsächlich ist. Die Pause tat uns dementsprechend nicht gut, sondern schmälerte unsere künftige Arbeitsbereitschaft.

Je mehr Zeit man hat, desto mehr kristallisiert man die Dinge heraus, die nicht gut laufen. Bis zu einem gewissen Grad mag das auch gut sein, doch ein hohes Maß an Unzufriedenheit ist in unzähligen Listen von Ursachen von Krankheiten, Süchten und Verhaltensstörungen aufgezählt.

Wenn Menschen weniger Zeit mit der Arbeit verbringen, einer Institution, in der sie überwacht werden und von sozialen Konstrukten umgeben sind, ändern sie logischerweise auch ihr gesamten Verhalten. Als Beispiel hätte ich hier das Wochenende anzuführen. Ich war immer Pro-Redner der 4-Tageswoche. Vermutlich auch aus eigennützigen Gründen, denn natürlich hätte ich auch gerne noch einen Tag länger Wochenende. Wenn ich im Betrieb bin (Ich studiere dual) habe ich das Gefühl am Leben vorbeizuleben. Hier schnuppere ich schließlich neben der Tätigkeit per se auch in das typisches Leben eines Erwachsenen. Der Tag zieht mit den Arbeitsstunden an einem vorbei. Aber ich glaube nicht, dass ein weiterer Freizeittag der breiten Masse der Bevölkerung guttun würde.

Wie ich auf diese Annahme komme?
Ich wohne in einer Großstadt. Da ist stets zu beobachten, wie diese Stadt am Wochenende zerstört und verwüstet wird. Am Freitag- und Samstagabend meide ich die Stadtmitte, da die Stadt überfüllt mit alkoholisierten Menschen ist. Ich fühle mich bei dem ganzen Geschehen unwohl. Die Polizei hat (zu Recht) eine enorme Präsenz, um bei angehenden aggressiven Wüten direkt zu entschärfen. Ist das ein lebenswerter Zustand? Ich glaube, dass mit einem zusätzlichen freien Tag die Stadt nur noch einen weiteren Tag leiden wird. Außerdem glaube ich, dass mehr Menschen mehr trinken, Party machen und der eigenen Gesundheit schaden. Ist es richtig aufgrund dieser Annahmen so eine große Freiheitseinbuße für die Allgemeinheit festzusetzen und zu rechtfertigen? Das weiß ich nicht. Es ist ein schwer kontroverses Thema. Ob es tatsächlich eine Freiheitseinbuse ist, ist ebenso fraglich, denn jeder kann sich sein Beruf selbst aussuchen und die Prioritäten so setzen, wie er es für richtig hält. Wenn es für den einzelnen wichtig ist, möglichst viel Freizeit zu haben und dabei auf anderes (z.B. hohes Gehalt) zu verzichten, dann kann er schließlich auch einen passenden Beruf nach diesen Kriterien finden.

Grundsätzlich glaube ich, weniger Arbeitszeit auf jeden Fall eine Lebensqualitätsverbesserung ist, doch wer weiß, was die gemeingesellschaftlichen Langzeitfolgen von mehr Freizeit sein können? Aber eins weiß ich, Umgebung und Menschen leiden ab Freitagabend bis Sonntagmorgen und ich möchte nicht, dass das ein weiterer Tag der Woche so sein wird.

*Grds. stehe ich gegen staatliche Betreuung ein. Freiheit und Liberalismus sind für mich sehr wichtig.

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