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Romantische Nostalgie oder Horrortrip

So plötzlich wie er da ist, ist er leider selten wieder weg. Der Gedanke an die Vergangenheit. Eigentlich ist man gerade okay mit seinem Leben. Die Dinge, die gemacht werden müssen, werden gemacht, die Dinge, die getan werden wollen, werden getan. Klar, wie auch sonst immer gibt es was auszusetzen, doch im Großen und Ganzen ist alles soweit gut. Woher aber kommen solche nostalgischen Gedankenblitze und was hat unsere Besessenheit mit der Vergangenheit so auf sich?

Bei dem Gedanken an vergangenes bleibt allzu selten die emotionale Sphäre ausgeschaltet. Schließlich geht uns eine Situation oder Phase durch den Kopf, die wir selbst erlebten und am eigenen Leib fühlten. Wir wissen, wie es uns damals ging. Eigentlich gibt es bei einem Flashback nur zwei Möglichkeiten. Entweder sehnen wir diese Situation zurück, vermissen und romantisieren die Zeit oder wir sind unglücklich und verabscheuen unseren Kopf wegen des gedanklichen Zeitsprungs. Ein schmaler Grat zwischen romantischer Nostalgie und Horrortrip.

Intuitiv würde man ersteres natürlich als das angenehmere und schönere werten und dem würde ich auch zustimmen, wenn es sich hierbei um die Gegenwart handeln würde. Allerdings handelt es sich um die Vergangenheit und das ist ein Detail, das nicht zu missachten ist. Denn eines haben beide Situationen gleich: Es ist vorbei. Pragmatisch betrachtet könnte man glücklich im jetzt für schlechte vergangene Zeiten sein und andersherum traurig über gute vergangene Zeiten, einfach weil es jetzt anders ist.

In der Theorie mag das stimmen. Das Problem mit der Vergangenheit ist, dass sie einen nicht loslässt. Sie hängt einem nach, wie ein Ruf. Das, was du früher tatest, bist du heute. Aber ist das nicht falsch? Zum einen von den Menschen, die dir das Gefühl geben, dass du lediglich diese eine Rolle zugeteilt bekommen hast und diese auch nicht ändern kannst und zum anderen, weil du dich selbst damit einschränkst. Du bist doch der Mensch, der du heute bist und nicht der von gestern. Die Vergangenheit hat lediglich Auswirkungen auf dein jetziges Ich, sie soll dich aber nicht von Veränderung abhalten. Die Erfahrung formt den Menschen. Das heißt, dass wir zwar dazulernen und uns die Vergangenheit prägt, möglicherweise auch mehr als uns lieb ist, allerdings ist das auch das einzige, was sie an Raum in der Gegenwart bekommen sollte. Wir machen Dinge aufgrund unserer gegenwärtigen Entscheidung, die wir durch Erfahrungen fällen, nicht aber wegen der Person, die wir einst waren. Dinge die wir gestern gut fanden könnten wir heute als idiotisch abstempeln.

Ständig vergessen wir alles Mögliche. Unseren Handy-Code, Geldbeutel, den Ort unseres Schlüssels oder den Namen einer ehemaligen Schulfreundin. Vergessen ist menschlich und normal. Wieso um alles in der Welt spricht man bei Vergangenheit ständig nur von Verarbeiten oder Verdrängen. Hier ist auch ganz klar, dass Verarbeitung gut und Verdrängung schlecht ist. Vergessen ist eigentlich neutral, wird aber ständig mit Verdrängung ausgetauscht. Vergangenheit vergessen normalisieren. Das ist eigentlich das beste für die Seele, denn was man nicht weiß macht einen nicht heiß. Vergessen ist das bessere verarbeiten. Wer vergisst, hat Platz für anderes und beschäftigt sich offensichtlich einfach nicht mit der Vergangenheit. Haben die Online Gurus vielleicht recht? Lassen wir in der Gegenwart zu viel Raum für vergangenes? Die Gegenwart ist schließlich auch bloß die Vergangenheit der Zukunft und möchte man diese mit nostalgischem Trübsal füllen? Schließlich hätte man nun die Chance eine schöne Vergangenheit zu formen. Na ja, so leicht ist es eben nicht immer. Manchmal in irgendeinem Moment wird man überfahren und kann sich gar nicht erklären wieso. Doch in solchen Momenten sieht man, wie man selbst damit umgeht. Lässt man ihr Raum oder schließt man sie ein? Egal, wie wir uns entscheiden, eines ist klar, wir alle leben nicht erst seit heute und das gestern ist bei niemandem perfekt.

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